Die Vererbung von Bildungschancen

Im Jänner 2010 wurden auf der Enquete Zukunft trotz(t) Herkunft”, einer Veranstaltung von AK, Armutskonferenz und der Initiative BILDUNGGRENZENLOS, konkrete Zahlen zur Ungerechtigkeit bei den Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Schichten präsentiert. Dadurch wird auch Armut an die nächste Generation weitergegeben.

Die Vererbung der schlechten Bildungschancen ist statistisch nachgewiesen, doch aus der soziologischen sowie psychologischen Betrachtung differenzierter zu sehen.

Es mangelt an unseren Schulen nicht an ausreichender Förderung, sondern daran, wie jeder Einzelne mit der Vielzahl an Fördermöglichkeiten – siehe Individualisierungsprinzip in der Schule – und dem Setting in den Schulklassen wie z. B. große Schülerzahl in Klassen umzugehen versteht und zurechtkommt.

Ich beobachte, dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten berichten, dass es ihre Eltern nicht so interessiert, was in der Schule läuft und wie es ihnen wirklich in der Schule geht. Sie empfinden keine Resonanz, wie der Neurobiologe Joachim Bauer das nennt.

Die Ursachen hierfür sind sehr vielfältig, wobei die Barrieren oft in den eigenen Erfahrungen in der Schulzeit liegen oder überhaupt eine Schwellenangst bzgl. schulischer Institutionen vorliegt. Echtes Interesse der Eltern an der Schule hat aber etwas mit Beziehung zu tun. Somit fehlt für diese Kinder oft ein wichtiger Motivator, Neues zu wagen, eine höhere Schule aufgrund guter Intelligenz zu besuchen, etc.

Der mangelhaft ausgebildete Lernhunger im elterlichen Zuhause zeigt sich aber genauso in bildungsnahen Familien – hier wird die Saturiertheit zum Lernhemmnis. Die Jugendlichen sagen dann, ich werde genug von meinen Eltern erben – wozu anstrengen? Dadurch fehlt ihnen das unglaublich wunderbare Gefühl des täglich über sich “Hinauswachsens”, wie der Neurobiologe Gerald Hüther dies nennt, wenn die Lernanstrengung dann doch zum Erfolg führt. Denn das ist immer ein persönlicher Erfolg – und nicht der der Eltern!

Junge Menschen aus bildungsfernen Schichten sind dann benachteiligt, wenn sie in ihrem elterlichen oder schulischen Netzwerk niemanden finden, der ihnen den Wert der Bildung vorlebt und aufzeigt, dass das, was zu Hause fehlt, nachgeholt werden kann – ähnlich der Nachreifung.

Das wichtigste Basiselement der Förderung liegt aber in der Sprache, in deren Verwendung und im täglichen Üben in täglichen Lernprozessen – lebenslang! Daher brauchen gerade die Kinder und Jugendlichen von Eltern mit Pflichtschulabschluss Mentoren und Mentorinnen, die an sie glauben und sie in ihrem Wunsch sich weiterzuentwickeln bestärken. Wenn das jemand aus dem elterlichen Netzwerk ist, dann läuft die Sache bereits rund.
Das Förderangebot muss aber letztlich vom Kind, vom Jugendlichen auch angenommen werden. Das ist ein nicht zu unterschätzender Baustein im schulischen sozialen Aufstieg.

Die Benachteiligung der Kinder aus bildungsfernen Schichten hängt aber auch
damit zusammen, dass diese Kinder oft nicht wissen, wie sie sich im sozialen Kontext zu verhalten haben. Sie legen dann eine gewisse Ungeschicktheit an den Tag oder reagieren ihrem Alter entsprechend inadäquat. Die Folge: Sie werden auch kognitiv unter ihrem Level, also schlechter eingeschätzt. Wir Erwachsene wissen, dass die Fähigkeit der sozialen Einbettung das Um und Auf im Leben ist.

Doch auch die Kinder aus bildungsnahen Schichten sitzen vermehrt in einer soziologischen Falle: Sie haben alles, es wird ihnen alles geboten, sie bekommen zumeist alles sofort, und das Lernereignis ist viel zu wenig aufregend! Wenn sie zu Hause sind, fragt niemand nach ihren Pflichten, es gibt zahnlose Konsequenzen auf entwicklungshemmende Handlungen und – sie sind vielfach auf sich alleine gestellt.

Die Eltern bzw. die Generationen vor Ihnen haben sich einen entsprechenden Wohlstand mit viel Arbeit aufgebaut, und viele Kinder sehen zudem keine unbedingte Notwendigkeit weiterzukommen. Hatten die Eltern/Großeltern gelernt mit großen Schwierigkeiten und Frustrationen umzugehen, so fehlt diese lebensnotwendige Kompetenz immer öfter bei Kindern und Jugendlichen.

Dazu kommt schichtübergreifend das “Verstummungssyndrom” in den Familien, wie Klaus Schneewind, anerkannter Familienpsychologe, das nennt. Probleme werden nicht angesprochen, das Eingehen auf Emotionen ist auf kurze Passagen beschränkt oder bleibt weitestgehend aus, das Fürsorgeverhalten der Eltern und die Qualität der Beziehung bleiben dadurch vermehrt auf der Strecke.
Doch in der Beziehungsfähigkeit liegen auch der Umgang mit Konflikten und das Durchhalten in schwierigen Situationen. Wir wissen, ungelöste Probleme oder nicht aufgelöste Ängste sind Lernverhinderer schlechthin.

Also: Zeigen wir den Kindern und Jugendlichen, dass Jammern nicht hilft, sondern Probleme sehen, Lösungen suchen, anpacken und arbeiten an sich selbst. Helfen wir den Kindern und Jugendlichen Beziehung zu leben, Eltern haben dabei über viele Jahre Modellwirkung.

Bildung macht glücklich, Lernen macht glücklich, aber nicht sofort, sondern erst dann, wenn wir die Arbeit erledigt haben. Das ist der direkte Weg zur Chancengleichheit, ohne Umwege.

Lernen ist aber auch Arbeit, sehr oft mit verspäteter Belohnung. Das gilt es zu sehen und zu erkennen. Beziehung ist aber, wie immer, das Zauberwort – auch für den Erfolg in der Schule!

Quellen:
Die Presse, 14.Mai 2007, S. 15
Kurier, 21. September 2006, S. 26
Zeit Magazin, Nr. 32, 30.7.2009, S. 12ff
AK für Sie, Mitgliederzeitschrift der AK Wien, Februar 02/10, S. 22f
Bücher:
Bauer, Joachim: Warum ich fühle, was du fühlst, Wilhelm Heyne Verlag, München 2006
Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers, Wilhelm Heyne Verlag, München 2007
Bauer, Joachim: Lob der Schule, Wilhelm Heyne Verlag, München 2008
Nitsch, Cornelia, Hüther, Gerald: Kinder gezielt fördern, Gräfe und Unzer Verlag, München, 5. Auflage 2008

Internet:
http://www.bildunggrenzenlos.at/veranstaltungen/archiv/63-armutschulebildungschancen.html 3.2.2010